Bedauern & Reue

Fehler bedauern & ein karmisches Kochrezept (oder: Wie Du Bedauern und Reue in positive Energie verwandelst)

06.10.2009

Wer einen Fehler gemacht hat und im Nachhinein erkennt, der bedauert es oft. “Ach, hätte ich doch bloß…!” oder “Warum hab ich denn nicht…?” oder “Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen”.

Und die meisten Menschen denken, dass Bedauern etwas Schlechtes ist. Dabei ist es einfach nur eine Lektion, die man ein bisschen später gelernt hat, als man sie hätte lernen wollen.

Zu etwas Schlechtem wird das Bedauern erst, wenn man darin stecken bleibt. Schlecht ist bedauern nur dann, wenn man aufgrund seines Fehlers schlussfolgert: “Ich bin gescheitert, ich habe versagt! Jetzt ist alles vorbei – es ist zu spät. Der Zug ist abgefahren!” Schlecht ist nur, wenn man am Bedauern festhält, anstatt es wieder loszulassen.

Denn es ist NICHT zu spät. Ja, DIESER Zug ist vielleicht tatsächlich abgefahren – aber warum wolltest Du überhaupt in diesem Zug mitfahren? Vermutlich, weil er Dich an Dein Ziel gebracht hätte. Und es gibt noch viele andere Möglichkeiten, an Dein Ziel zu reisen.

Der nächste Zug zum Beispiel. Oder Du reist mit anderen Mitteln.

Manchmal laufen die Dinge nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Und das kann ein Rückschlag sein, besonders, wenn man seine Vorstellungen sehr genossen hat, wenn man schon voller Freude und Zuversicht war, und sich in schillernden Farben ausgemalt hat, wie schön das Leben dann sein wird. (Wie ein Happy-End in einem Hollywood-Film).

Wenn wir die Möglichkeit verloren haben, diese Vorstellung wahr zu machen, dann reagieren wir oft mit dem Gefühl des Bedauerns und der Reue.

Gründe für das Bedauern

Vielleicht haben wir die Möglichkeit verloren, mit einem bestimmten Menschen eine Beziehung einzugehen. Vielleicht haben wir die Möglichkeit verloren, eine Familie zu gründen. Vielleicht haben wir die Möglichkeit verloren, einen bestimmten Job zu bekommen. Vielleicht haben wir die Möglichkeit verloren, zu singen, oder ein Buch zu schreiben.

Eine Möglichkeit, die ich verloren habe, war, mit meinem Neffen zu reisen. Er hat immer vom Reisen gesprochen, über fremde Länder gelesen, Englisch geübt. Und ich wollte ihn gerne auf ein paar Reisen mitnehmen, und erleben, wie er die Welt für sich entdeckt. Im Februar 2008 – da war ich gerade in New York – rief mich meine Freundin an und sagte, dass er im Krankenhaus sei. Keine zwei Wochen später war er tod. Krebs.

Ich habe es bedauert, ihn nie auf eine Reise mitgenommen zu haben. Ich habe es bedauert, niemals erleben zu können, wie er zum Mann wird. Ich habe es bedauert, all die Möglichkeiten zu verlieren, die ich in ihm gesehen habe. Ich habe es bedauert, ihn nicht noch einmal besucht zu haben. Und ab und zu – jetzt zum Beispiel, wo ich grad’ drüber schreibe – da spüre ich auch Trauer, und eine Träne quetscht sich in mein Auge.

Dieser Zug ist für immer abgefahren.

Der nächste Schritt – Du musst ihn tun

Aber das Leben besteht aus “weitermachen”. Manchmal macht das Weitermachen Freude, manchmal müssen wir weitermachen um wieder zur Freude zu kommen.

Ich werde niemals mit D. durch die Welt reisen. Aber ich bin mir sicher, dass er jetzt gut unterwegs ist – auf anderen Wegen. Im Bedauern verharren ändert nichts.

Und auch wenn es so scheinen mag, als wäre “D. mit auf Reisen nehmen” mein Ziel gewesen: es war “nur” ein Transportmittel. Der Zug, der abgefahren ist. Das wahre Ziel war, einem anderen Menschen einen Traum zu erfüllen. Und die Welt ist voll von Menschen mit Träumen. Mehr als sechs Milliarden Menschen mit Träumen.

Worin investiere ich nun meine Energie und meine Zeit? Dem Bedauern? Oder anderen Menschen Träume zu erfüllen? (Ja, rhetorische Frage…)

Vor allem hat mich D. eine Lektion gelernt: mir Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu nehmen, anstatt sie durch die “keine Zeit” Ausrede vor mir herzuschieben. Mein Bestes zu geben, jeden Moment den ich mit einem anderen Menschen teile zu genießen und zu etwas Besonderem zu machen.

Und so schwierig es manchmal scheinen mag, den abgefahrenen Zug loszulassen – es ist es doch nicht wert, dafür sein eigentliches Ziel zu verlieren.

Ein karmisches Kochrezept

Wenn Du noch im Bedauern verharrst, dann musst Du begreifen, dass Bedauern nur eine Zutat ist. Eine Zutat für ein karmisches Kochrezept.

Richtig zubereitet kannst Du daraus ein besseres Ich schaffen.

Foto: Stefano Luciani

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Gaba October 7, 2009 at 17:40

Lieber Ramin,
beim Lesen Deines Beitrags hat sich auch bei mir eine Träne aus dem Auge gequetscht, ohne dass ich das wollte. Ein hilfreicher und schöner Blickwinkel für eine traurige Geschichte , die Du auf die beste (mir bekannte) Weise verarbeitest.
Vielen Dank, dass Du diese wichtigen Einsichten mit mir und Deinen anderen Lesern teilst.
Alles Liebe aus dem Isartal,
besser und besser,
Gaba

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Ramin October 8, 2009 at 19:19

Hallo Gaba,

danke für Deinen schönen Kommentar – war mir nicht sicher, ob ich so persönliche Dinge hier überhaupt mitteilen wollte, aber in dem Fall hatte ich das Gefühl es passt.
Und ich hoffe eines Tages findet es jemand, der in einer ähnlichen Situation ist und dem es weiterhilft.

Manchmal – jetzt gerade zum Beispiel – denke ich auch mit Freude an D., und freue mich, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.

Viele Grüße,
Ramin

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