gras drüber wachsen lassen

Vergangenheitsbewältigung

08.09.2009

Aus Fehlern lernt man besser als aus jedem Buch, jedem Kurs, und von jedem Mentor. (Oder man läuft so lange mit dem Kopf gegen die Wand, bis es einem das Nasenbein bricht… aber dann lernt man – hoffentlich). Aber wieviel Zeit manche Menschen mit Vergangenheitsbewältigung verbringen verwundert mich schon.

Natürlich – das, was Du erlebt hast, die Entscheidungen, die Du getroffen hast, und die Dinge, die Dir wiederfahren sind – all das macht Dich zu dem Menschen, der Du heute bist. Aber ewig in der Vergangenheit herumbuddeln, auf der Suche nach einer Lösung für ein Problem das wir in der Gegenwart zu lösen haben?

Oft kommen mir diese Leute vor wie Übergewichtige, die nach einer Wunderpille suchen, die sie plötzlich schlank macht.

Sie wollen nicht erkennen, dass der Grund für ihr Übergewicht einfach nur eine Lebensweise ist, die zu Übergewicht führt. (Meistens eine Kombination aus zuviel essen, und vor allem zuviel vom falschen essen, gepaart mit einem Mangel an Bewegung…). Stattdessen suchen sie nach einer Erklärung, warum gerade sie übergewichtig sind. Der Stoffwechsel, die Schilddrüse, ein defektes Fettverdauungsgen, ein X4-32C-Defizit!

(Freilich ist es eine enorme Herausforderung die Lebensweise so umzustellen, dass sich das Gewicht in die andere Richtung entwickelt… aber solange man das nicht anerkennt, wird man auch den ersten Schritt hier nie tun, sondern stets weiter auf der Stelle treten, hoffend, suchend und wartend auf ein Wundermittelchen).

Und wenn dann endlich die Wunderpille da ist, die endlich auch ihren Stoffwechsel ankurbelt, endlich auch ihre Schilddrüse auf Vordermann bringt, endlich ihr Fettverdauungsgen repariert oder ihr X4-32C-Defizit ausgleicht…

… ja, dann! Dann geht alles wie von selbst! Dann Purzeln die Pfunde, dann ist der Traumkörper ganz schnell da, dann löst sich das Problem (fast) von alleine.

Und so geht es auch mit der Vergangenheitsbewältigung.

Wenn die Vergangenheit erst einmal bewältigt ist, ja dann! Dann findet man plötzlich den Traumpartner! Dann ist man plötzlich glücklich! Dann hat man plötzlich wieder Energie!

Und so sehr ich das jedem Wünsche – meiner Erfahrung nach trifft es nicht ein.

Es ist wie einer Fatamorgana hinterherzulaufen.

Wenn Du etwas in Deinem Leben ändern willst, dann ist jetzt der Zeitpunkt es zu tun. Und so interessant die Ursachen dafür auch sein mögen… es ist garnicht notwendig, sie zu kennen. Denn oftmals sind die Ursachen völlig absurde Dinge.

(Zum Beispiel wenn man als Kind ein Bild gemalt hat, aufgeregt ins Wohnzimmer gelaufen ist um es den Eltern zu zeigen, und der Papa knallt einem die Tür vor der Nase zu weil er gerade mit Mama streitet. Ein Kleinkind kann sich daraus ganz leicht einen absurden Glaubenssatz zusammenschustern wie: “Wenn ich etwas Tolles gemacht habe, darf ich es niemandem zeigen, weil die Leute sonst wütend werden”. Absurd? Ja, völlig absurd. Aber es passiert jeden Tag. Helfen uns solche Einsichten 30 Jahre später wenn wir erfolglos in einem Job rumkrepeln der uns unterfordert? Meiner Erfahrung nach hilft es uns eher wenn wir einfach lernen – und üben – wie wir unsere Leistungen präsentieren. Oder anderen Menschen mitteilen, was wir wirklich für sie empfinden. Oder einen Partner auswählen, der uns glücklich macht. Oder unsere Energien so managen, dass wir uns nicht jeden Tag gestresst und überfordert fühlen, oder, oder, oder…).

Die Lösung kommt meist nicht mit einem lauten Knall, oder einer an Erleuchtung-grenzenden Einsicht in die Vergangenheit… sondern in vielen kleinen Schritten. Deshalb ist zum Beispiel eine kleine Gewohnheit, die man sich aneignet oft viel machtvoller, und übt einen viel größeren Einfluss auf unser Leben aus, als ein feierlicher Schwur, oder die guten Vorsätze zum neuen Jahr, die wir voller Elan, Überzeugung und Siegesgewissheit heraustrompeten.

Vergangenheitsbewältigung ist ein interessanter Zeitvertreib – aber leider führt er oft in die falsche Richtung, wenn es darum geht im Hier und Jetzt glücklicher zu sein. Denn die Gegenwart bietet genügend Herausforderungen, genügend Freude, genügend Schönheit, Hindernisse und Möglichkeiten an – mehr als ein einzelner Mensch jemals zu erleben imstande sein wird. Warum also mit mentalen Zeitreisen all die schönen Abenteuer verschwenden, die das Leben uns bietet?

Foto: sardinelly

{ 2 comments… read them below or add one }

sabrina September 9, 2009 at 19:38

spannender artikel aus dieser perspektive hab ich das noch garnicht betrachtet…lg, sabrina

Reply

Timo Grassi September 28, 2009 at 21:33

Kompliment, Sie sind auf dem richtigen Weg und ich möchte Sie dabei unterstützen:

Die Vergangenheit ist als ein in sich abgeschlossener Vorgang definiert. Diese in Verbindung mit dem Verb “bewältigen” zu setzen, zeugt von psychopathischen Denken. Es handelt sich hierbei zweifelsfrei um eine Freud..sche Fehlleistung.
Laut Freud besitzen die Wortschöpfungen des Psychopathen stets einen verborgenen Sinn, der sich auf krankhafte sexuelle Wünsche bezieht.
Aus dem Wort “Vergangenheitsbewältigung” lässt sich bei näherer Betrachtung der Wunsch nach nekrophiler Betätigung herauslesen:

“Leichenficken”

Die Tatsache, dass eine derart krankhafte Wortschöpfung seit einem halben Jahrhundert auf Deutschen Schultafeln -fernab jeglicher Reflexion- prangt, stellt die grösstmögliche Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus dar.

timocracy (speak:”democracy”)

Reply

Leave a Comment

Previous post:

Next post: