Jeans

754-Dollar Jeans & die Kunst des Geschichtenerzählens

07.08.2009

Ich weiß nicht, was eine Levis Hose heute kostet? 50 Euro? 80 Euro?

(Was Mode betrifft bin ich Analphabet).

Dann gibt es Billigjeans, teilweise schon für 15 Euro, die von Levis eigentlich nicht zu unterscheiden ist – bis eben auf das kleine Zipfelchen mit dem Levis-Logo drauf.

Und dann gibt es natürlich die extra-trendigen Jeans, die auch mal 150 Euro und mehr kosten können.

Aber 754 Dollar für eine Jeans?

Eine Firma namens Jomons bietet ihre Jeanshosen für 754 Dollar an. Das alleine finde ich schon bemerkenswert, aber noch bemerkenswerter finde ich: Leute kaufen diese Jeans tatsächlich. Und ich vermute wenn man in Modeboutiquen einkauft zu noch heftigeren Preisen (754 Dollar ist der niedrigste Preis, den ich online gefunden habe).

Und tatsächlich kann man den Preis noch problemlos in die Höhe treiben, indem man sie “custom washed” kauft. Man probiert die Hose an, und die Verkäufer messen dann aus, wo die Hose sich in Falten legen wird und bearbeiten diese Hose dann so, dass es an genau den richtigen Stellen einen ausgewaschenen Look gibt. Das kostet dann nochmal ein paar hundert extra.

Warum in aller Welt gibt jemand 754 Dollar für eine Jeans aus?

Weil Sie nicht wissen wohin mit ihrem Geld? Weil ihnen jemand das Hirn amputiert hat? Weil sie zuviel Zeit mit Modemagazinen verbringen?

Nein. Wegen der Geschichte, die dahintersteht.

Die Kraft einer Geschichte

Jomons Jeans werden aus biologischer Baumwolle angefertigt. Handgepflückte biologische Baumwolle. Und sie werden mit einem ganz speziellen Webverfahren gefertigt, dass ich hier nicht näher beschreiben kann, weil ich nicht genug vom Weben verstehe, um die Vorzüge dieses Webeverfahrens würdigen zu können.

Der Stoff wird dann vierundzwanzigmal von Hand in natürliches Indigo getaucht.

(Vermutlich im Vollmondschein von japanischen Jungfrauen).

Jemand der sich mit Farbtechniken beschäftigt hat, für den ist so etwas verlockend. Jemand der sich für traditionelle Herstellungsverfahren begeistert, und gleichzeitig trendy ist. Jemand der Qualitätsfetischist ist, wenn es um Kleidung und Materialien geht. Kurz: jemand, den so eine Geschichte begeistert.

Natürlich ist es keine ausgedachte, sondern eine wahre Geschichte. (Bis auf den Vollmondschein und die japanischen Jungfrauen). Aber welchen Unterschied macht es schon, ob man so eine Hose trägt oder nicht? Begegnen einem die Leute anders? Bekommt man Komplimente wegen so einer Jeans? Benjamin Wallace hat es einmal ausprobiert. In den vielen Monaten, in denen er diese 754 Dollar Jeans getragen hat, hat er nicht ein einziges mal ein Kompliment für seine Jeans bekommen. Niemand hat sie auch nur beachtet. Natürlich lässt sich der Wert eines Gegenstandes nicht daran bemessen, wieviele Komplimente man dafür bekommt – aber zumindest wenn es um Mode geht, was ja das äußere Erscheinungsbild betrifft, könnte man so etwas doch erwarten. (Und um das Argument auch vorwegzunehmen: die Hose fühlt sich auch nicht anders an, wenn man sie trägt, zumindest laut Benjamin Wallace).

Trotzdem – manche Leute sind von der Geschichte so fasziniert, dass sie bereit sind 754 Dollar für eine Jeans auszugeben. Diese Geschichte wird niemals eine jedermanns-Geschichte sein, sondern übt ihre Faszination nur auf eine (verhältnismäßig) kleine Gruppe von Menschen aus. Aber hey, bei 754 Dollar pro Jeans, wie viele Jeans muss man da wirklich verkaufen um Profit zu erwirtschaften?

Überzeuge mit Geschichten

Wenn Du etwas verkaufen willst, dann erzähle eine Geschichte. Mit einer Geschichte, kannst Du Dich von der Masse abheben, und musst Dich nicht auf einen Preiskampf einlassen, mit 20 anderen Verkäufern, die etwas ähnliches anbieten, aber keine Geschichte haben.

Und mit verkaufen ist nicht nur: Ware/Dienstleistung gegen Geld gemeint. Ich meine damit auch: jemand anderem die Idee zu “verkaufen”, dass er mehr Sport treiben sollte. Jemand anderem die Idee zu “verkaufen”, dass er das Rauchen aufhört. Jemand anderem zu “verkaufen”, dass er sich gesünder ernährt. Jemand anderem zu “verkaufen”, dass er mal den Fernseher ausknipst und etwas unternimmt.

Wir glauben gerne, dass wir “logisch denken und handeln”. Aber die Wahrheit ist: wir handeln emotional, das logische Denken ist nur dazu da, im Nachhinein die emotionale Entscheidung, die wir getroffen haben zu legitimieren. Mit Geschichten bewegst Du Menschen dort, wo es wirklich darauf ankommt: im Herzen.

Foto: Ksenia Kalinina

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Norbert Glaab September 23, 2009 at 12:29

Heute ist mir Dein Blog zugefallen
Besonders der Abschnitt “Überzeuge mit Geschichten” ist so treffend.
Schon vor einigen Jahren habe ich eine Metapher-Sammlung angelegt, in der Hoffnung, dass sich Menschen finden, die hier zur Erweiterung beitragen.
http://www.norbert-glaab.de/metapher.html

Der letzte satz im Post, wir glauben dass wir logisch denken ist die größte aller unserer Täuschungen.
Ich werden Dein Blog in meine Blogroll mit Freude aufnehmen.

Beste Grüsse
Norbert

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Ramin September 23, 2009 at 19:38

Hallo Norbert,

danke für Deinen Kommentar – Deine Metapher-Sammlung finde ich sehr spannend.
Mir schwebt auch schon seit einiger Zeit ein Projekt zum Thema Geschichten im Hinterkopf. Die Metaphernsammlung passt hervorragend dazu, und ich freue mich, wenn ich zur Erweiterung ein wenig beitragen kann. Bei nächster Gelegenheit schicke ich mal was per Email zu.

Viele Grüße,
Ramin

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Markus October 15, 2009 at 11:18

Hallo, sehr interessanter Artikel, ich finde ja auch das es keine Unterschied macht sich eine teure oder billige Jeans zu holen, natürlich sollte man immer auf die Verabeitung achten. Ich hatte auch mal eine teure Jeans von 100 Euro und ich muß sagen das sie perfekt saß, aber schon nach wenigen Monaten am Hintern und an den Knien durch war! Meine billigen Jeans sind nicht immer perfekt aber sie halten wessentlich länger, obwohl man meinen könnte sie hätten eine schlechtere Qualität.
Gruß Markus

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Vera October 30, 2009 at 19:13

Hallo, ich bin ja nicht so überzeugt von den teuren Jeans also manche sind echt gut aber die meisten kann man echt schon nach wenigen Monaten in die Tonne kloppen.
Na ja wer das geld hat um sich sowas leisten zu können soll es machen, ich glaube auch nicht das es umedingt an der geschichte liegt. Es ist wahrscheinlich einfach eine Frage der Geldes.
Gruß Vera

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