Unabrufbarkeit

30.05.2009

Das Handy immer dabei, Instant messaging, Skype und Chat laufen immer im Hintergrund unseres Computers und in einem Browserfenster haben wir unseren Email-Posteingang, damit wir auch ja sehen wenn eine neue Nachricht eintrifft. Das iPhone und der Blackberry hält die ganz vernetzten unter uns ständig auf Trab.

Einige Wochen zuvor hatte ich mit einem Freund schon über Ähnliches gesprochen – über die “Digitalisierung der menschlichen Erfahrung”. Denn heute kommunizieren wir zwar mehr mit anderen Menschen als jemals zuvor – aber der menschliche Kontakt geht dabei verloren.

Ich seh das keineswegs als negativ – wenn man eine Zeit lang in so einer “Matrix” lebt, dann merkt man recht schnell, wie einem das bekommt. Und sucht sich Ausgleichsaktivitäten. Und die Möglichkeiten der neuen Techniken gleichen die “Risiken und Nebenwirkungen” meiner Meinung nach mehr als aus.

Denn obwohl ich heute fast 9000 Kilometer von den meisten meiner Freunde entfernt lebe – und von einigen sogar 12761 Kilometer (laut Google) – kann ich dennoch mühelos mit meinen Freunden plaudern, mich austauschen und die Freundschaften auch von hier aus genießen.

Und: Du hast die Wahl wie viel “Zugriff auf Dein Leben” Du den neuen Technologien lässt.

Ja, klar – wenn Du Dein iPhone ständig bei Dir trägst und auf jede Email sofort antwortest, dann bist Du immer auf dem neuesten Stand, und irgendwie bei allem mit dabei.

Ich jedoch schätze die Vorzüge der Unabrufbarkeit. Das ist zwar kein echtes Wort (es Google findet das Wort Unabrufbarkeit nur 38 mal in seinem Index), aber es beschreibt doch sehr schön ein Gegengewicht zum ständigen “sozialen Bereitschaftsdienst”.

Denn all diese kleinen Unterbrechungen durch Telefon, Email und welche Art von Nachrichten auch immer – all diese kleinen Ablenkungen, kosten Dich enorm viel: Fokus, Konzentration und “Ungestörtheit”.

Eine Studie hat gezeigt, dass es bis zu 25 Minuten dauert, bis wir uns von einer Ablenkung (beispielsweise einem Telefonanruf) wieder voll auf eine Tätigkeit konzentrieren können. Um ehrlich zu sein, mir erscheint diese Zahl unglaubwürdig, und ich frage mich mit welchem Maßstab da gemessen wurde. Die wenigsten von uns arbeiten in so einem hohen Zustand von Konzentration, dass es 25 Minuten braucht ihn zu erreichen.

Aber 5 Minuten? Ja. Das glaube ich allemal und kann es aus Erfahrung bestätigen.

Was sind schon 5 Minuten?

Das kommt darauf an, wie viele Telefonanrufen und SMS und Emails und Instant messages Du am Tag bekommst… 10? Bei 10 sind es schon 50 Minuten. (ZUSÄTZLICH zur tatsächlichen Telefonatszeit, oder Zeit die Du zum Lesen und Beantworten von Nachrichten nutzt). 20? Dann sind wir bei 100 Minuten. 30? 150 Minuten. Und so weiter.

Und das an einem einzigen Tag. Auf die Woche, den Monat, das Jahr hochgerechnet, sind das ganz enorme Mengen an Zeit.

Bild von Hilde Vanstraelen, www.biewoef.be

Bild von Hilde Vanstraelen, www.biewoef.be

Sind das vielleicht Momos berüchtigte graue Männer, die den Menschen mit einem Trick die Zeit stehlen, indem sie sie glauben machen, dass sie ihnen helfen Zeit zu sparen? (Ein Argument, dass chronische Blackberrianer und iPhonier ständig bringen ist: so kann ich auch unterwegs viel mehr erledigen, das spart viel Zeit).

Und welchen Effekt hat es, wenn wir ständig abrufbereit sind? All diese Unterbrechungen… halten sie uns nicht von dem ab was wir eigentlich machen wollten?

Ich denke jeder muss für sich selbst entscheiden – aber mein Eindruck ist, die wenigsten tun es. Stattdessen machen sie einfach mit, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein.

Ich beantworte mein Telefon garnicht mehr – außer wenn zuvor ein Termin ausgemacht wurde. Es geht nur noch die Mailbox ran. Ich habe “Antwortzeiten” am Tag – das sind fixe Zeiten, wenn ich Telefonanrufe, Emails und andere Nachrichten beantworte. Denn so habe ich viel mehr vom Tag. Viel mehr um Dinge zu erledigen und zu arbeiten – aber auch viel mehr Zeit zum Genießen.

Denn ich mag nicht bei Essen mit Freunden von einem Kunden unterbrochen werden (auch wenn mich das sehr wichtig erscheinen lässt, wenn ich dann plötzlich von “casual” auf “professional” switche).

Aber ich mag nichtmal beim Essen mit Freunden von anderen Freunden unterbrochen werden, die einfach mit mir plaudern wollen. Ich habe mich schließlich mit meinen Freunden verabredet, DAMIT ich Zeit mit ihnen verbringen kann, nicht, damit wir gemeinsam um die Welt texten und telefonieren könnnen.

Wie weit wäre Einstein mit seiner Relativitätstheorie wohl gekommen, wenn er ständig von Telefonanrufen und Textnachrichten unterbrochen worden wäre?

Glaubst Du, dass Bill Gates, wenn er sich mit etwas beschäftigt alles stehen und liegen lässt, nur weil jemand ihm – auf welche Art auch immer – eine Nachricht zukommen lässt? Oder Obama?

Natürlich – Du und ich, wir sind ja nicht Obama oder Einstein. Deshalb ist unsere Zeit ja nichts wert, weil wir stellen ja eh nichts Wichtiges damit an… Unabrufbarkeit ist nur was für wichtige Leute.

Zeit gegen Geld

Zeit gegen Geld

Ich denke: egal was Du tust, Deine Zeit ist das Wertvollste was Du hast. Selbst wenn Du “nur” tagträumst, ist Deine Zeit wertvoll. Die meisten Menschen geben Ihre Zeit nur viel zu billig weg. Für eine Handvoll Euro lassen sie sich stundenweise mieten, um Dinge zu tun, die sie freiwillig, von sich aus, eigentlich garnicht tun würden. Und die Tatsache, dass das normal ist, und die meisten Leute darauf mit “so ist das Leben” kontern, oder “das nennt man arbeiten”, macht es nicht besser. Denn es geht auch anders. Anders ist nicht leichter, aber anders ist es wert...

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gabaretha May 31, 2009 at 14:31

Lieber Ramin,
ich finde, Du hast das Phänomen Zeit sehr freffend und anschaulich dargestellt. Jeder von uns besitzt täglich vierundzwanzig Stunden…und kann Tag für Tag frei entscheiden, wie er diese “gewinnbringend” einsetzen will…und jede Entscheidung hat auch einen Preis (Konsequenz).
Danke für die Erinnerung und Inspiration.
Viele liebe Grüße aus dem Isartal,
besser und besser,
Gaba

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DasDu May 31, 2009 at 17:23

Hi Gaba,
danke, das freut mich sehr.
Und ja, ein guter Punkt: jeder kann ständig frei entscheiden. Die meisten Menschen treffen diese Entscheidung leider jedoch nie bewusst – so kommt es mir jedenfalls vor.
Ramin

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