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Depressionen & Individualismus

31.10.2009

In Deutschland und den USA sind mir immer wieder viele depressive Menschen begegnet. Seltsamerweise sind mir sehr wenige depressive Menschen in Thailand begegnet – obwohl es hier viel mehr Menschen gibt, die eigentlich guten Grund haben könnten depressiv zu sein.

(Mir sind hier so viele Menschen begegnet, die jegliche Hoffnung aufgegeben haben, jemals einen Lebenspartner zu finden, eine romantische und/oder sexuelle Beziehung einzugehen. So viele Menschen, die niemals im Leben wirklich imstande sein werden, Geld anzusparen, weil das was sie verdienen immer gerade ausreicht, um die eigenen Ausgaben zu decken. So viele Menschen, denen die Zukunft nichts besseres verspricht, als das, was heute schon ist, außer dass sie älter, schwächer und gebrechlicher werden. Und trotzdem sind sie nicht depressiv, traurig, niedergeschlagen…)

Anfangs dachte ich noch: “das muss doch Maskerade sein. Die geben ihre wirklichen Gefühle einfach nicht Preis.”

Aber je genauer ich hingeschaut und zugehört habe, je mehr ich versucht habe Indizien zu finden, dass es nur eine aufgesetzte Glücklichkeit ist, mit der sie ein großes, klaffendes Loch in ihrem emotionalen Leben zupflastern… desto weniger habe ich davon gefunden.

Die Menschen sind hier oft geradezu unverschämt glücklich trotz all der (wirklich) guten Gründe zum depressiv werden. (Nicht diese ganzen lächerlichen, zurechtgebogenen Pipifax-Gründe, die einem in Deutschland so aufgetischt werden).

Kulturelle Neurowissenschaften

Deshalb fand ich eine Studie, die Depressionen im Westen und in Asien untersucht hat interessant.

Mediziner sind der Meinung, dass Depressionen verursacht werden durch Gene und Umwelteinflüsse. In Ost-Asiatischen Ländern gibt es interessanterweise viel mehr Menschen, die genetisch zu Depressionen veranlagt sind. (Der Studie zufolge sind dort 80% der Bevölkerung genetisch zu Depressionen veranlagt). Demnach müsste es eigentlich viel mehr Depressive geben. Nur ist genau das Gegenteil der Fall.

Die Forscher erklären sich diesen Widerspruch so: in diesen Ost-Asiatischen Kulturen wird viel mehr Wert auf ein harmonisches Miteinander gelegt. Und dieses “soziale Netz” fängt viele auf, die ansonsten in Depressionen stürzen werden. (Das ist natürlich die Tütensuppen-Version der Erklärung).

In westlich-geprägten Ländern (wie Deutschland oder Amerika) ist nicht in erster Linie ein harmonisches Miteinander wichtig, sondern Individualismus. Etwas Besonderes zu sein, einzigartig zu sein, aus der Masse herauszuragen, ist wichtiger, als ein harmonisches Miteinander.

Ich für mich kann nicht sagen, dass das eine besser als das andere ist. Beides hat seine Licht- und Schattenseiten.

Aber eigentlich könnte daraus im Rückschluss ja auch geschlossen werden, dass für die Therapie von depressiven Menschen mehr gemeinschaftliche Aktivitäten angebracht wären. Zumindest als zusätzliche Maßnahme. (Die Realität sieht leider anders aus. Ungefähr 2/3 aller Menschen, denen ich begegnet bin die an Depressionen leiden bekommen Pillen vom Arzt und ergehen sich in endlosen Therapiesitzungen).

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